Alfred Schlosser als Jugendlicher bei der NAPOLA

Die jüngsten Erfolge der rechtsextremen Parteien waren vielleicht auch ein Grund für das hohe Interesse an diesem Zeitzeugenbericht aus der NS-Zeit, zumal Alfred Schlosser als „alter Hochemer“ stadtbekannt ist.  Etwa 60 Gäste waren am 25. Juni in den Klosterhof zum Vortragsabend der Arbeitsgemeinschaft Alt Hochheim (AAH) gekommen, darunter auch eine Handvoll hochbetagter Bürger, die ebenfalls auf eigene Erinnerungen an den Faschismus in Deutschland und Hochheim zurückgreifen können.  Der Referent wurde 1933 geboren, im Jahr der Machtübergabe an Adolf Hitler und die NSDAP.

Geschichtlicher Rückblick bis ins 18. Jahrhundert

Um seine damalige Einschätzung der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt NAPOLA zu verstehen und teilweise auch nachvollziehen zu können, holte Schlosser etwas weiter aus und beschrieb die perfide Propagandamaschinerie und alle Lebensbereiche durchdringende Einflussnahme  des Führerstaates sehr plastisch. So belog der Schullehrer, der ja wohl alles wusste, die Kinder mit Gräueltaten fremder Soldaten an Kindern, um so die Kriege gegen die bösen Nachbarn zu rechtfertigen. In der Bevölkerung kam die schlechte wirtschaftliche Situation wegen der extremen Reparationszahlungen nach dem ersten Weltkrieg hinzu. Dass dies eine Reaktion Frankreichs auf die Schmach der Kaiserkrönung Wilhelms I. 1871 ausgerechnet im Schloss Versailles war, lies Schlosser in seinem geschichtlichen Rückblick nicht aus.

Kameradschaft und brutale Bestrafungen in den NAPOLAs

Die Hitlerjugend war ab 1933 der einzige erlaubte Jugendverband. Damit sollten alle anderen Einflüsse auf Heranwachsende verhindert werden, was auch meist gelang. So war es keine Überraschung, dass sich der junge Alfred freute, als er als einer von ganz wenigen Hochheimer Schülern für das Gymnasium NAPOLA vorgeschlagen wurde und nach einem harten Auswahlverfahren mit Nachtwanderung, Mutproben und  körperlichen Tests auch letztendlich aufgenommen wurde. Die NAPOLA war ursprünglich eine preußische Kadettenanstalt und nur den Kindern hoher Militärs und dem Adel vorbehalten gewesen. Hitler öffnete diese Gymnasien für alle Schichten, allerdings wurden nur der „arischen“ Vorstellung entsprechende Menschen zugelassen. Das Schloss Oranienstein bei Diez, in das Alfred kam entpuppte sich schnell als Kaserne mit durchgehendem militärischen Drill, Unterdrückung und härtesten Strafmaßnahmen. Weil sie einen Mitschüler nach einem Bagatelldelikt nicht verpetzen wollten, mussten die  Jungen nur in Badehosen für 20 Minuten durch ein hohes Brennnesselfeld laufen mit der Folge, dass sie danach völlig zugeschwollen nichts mehr sehen und vor Schmerzen nächtelang nicht schlafen konnten. Die NAPOLAs schotteten die Jungen komplett von jeglicher äußeren Einflussnahme ab. Kommunikation mit den Eltern war nur über gelegentliche Briefe und seltene Besuche in den Ferien möglich. Schlosser zitierte den bekannten Literaturkritiker und NAPOLA Schüler Hellmuth Karasek: „Wir waren die brutale Kaderschmiede für Hitler.“ Die Jungen wurden einer totalen Gehirnwäsche unterzogen und alles dem Führerprinzip untergeordnet.

Auf der anderen Seite schätzten die Schüler die Kameradschaft, neue Freundschaften, es gab viele sportliche Wettkämpfe, Kultur und Unterhaltung. Das alles natürlich, um die Jungs bei der Stange zu halten und sicherzustellen, dass sie bei der Unterdrückung und der militärischen Ausbildung, zum Teil an Maschinengewehren oder beim Ausheben von Schützengräben, nicht zusammenbrachen. Sie hörten während der Mahlzeiten die Wehrmachtsnachrichten und es war allen klar, dass sie bald an die Front gemusst hätten. Die Unmenschlichkeit des Systems wurde spätestens bei einem traumatischen Erlebnis klar, als ein Soldat während einer Mahlzeit einfach mal einen russischen Zwangsarbeiter erschoss. 

Zweifel und Bedenken wurden erfolgreich unterdrückt

Der Fronteinsatz wurde Schlosser erspart, die NAPOLAs wurden bei Kriegende aufgelöst. Alfred war 12 Jahre alt. Schlechter erging es dem ebenfalls im Klosterhof anwesenden Hans-Walter Schollmayer, der, ein Jahr älter, noch als 13jähriger als Flakhelfer eingezogen wurde.

Nicht nur in seiner Nachbetrachtung des Erlebten beschrieb Schlosser seine damaligen Zweifel und Bedenken an der Ausbildung und auch die Diskrepanz zwischen seiner katholischen Erziehung und der Zielsetzung des Systems. Allerdings war Widerstand für die jungen Menschen unmöglich und wurde durch die Abschottung nach Außen, den ununterbrochenen Druck von oben und die  permanente Gehirnwäsche erfolgreich verhindert. „Ich habe damals an Ideale geglaubt, die keine waren.“ Er zeigte sich überzeugt, dass unser heutiges politisches System besser gegen Faschismus geschützt sei, trotzdem müssten wir wachsam sein und sicherstellen, dass es nie wieder passiert.

Der Vorsitzende Klaus Umstätter dankte Alfred Schlosser für seinen ehrlichen Vortrag und verabschiedete die Freunde der AAH in die Sommerpause.