Die Südstadt von Elisabeth Bratsch

Die Südstadt, das kleine Paradies am Main

Elisabeth Bratsch spannte bei der Arbeitsgemeinschaft Alt Hochheim einen weiten Bogen von den Kelten bis in die Gegenwart

Es war wieder einmal proppenvoll beim Weilbächer am 10. September. So ist es immer, wenn bekannte Hochheimer über die Geschichte ihrer Stadt berichten. Diesmal war es Elisabeth Bratsch, sie stellte sofort einmal klar, dass die Ursprünge Hochheims in der Südstadt lagen, was Ausgrabungen aus der Keltenzeit belegen. Allerdings war das flussnahe Moor- und Sumpfgebiet nicht für dauerhafte Siedlungen geeignet, dafür die nahe Anhöhe umso mehr. So entstand der Name Hochheim, der im Jahr 754 beim Bericht über den Leichenzug des heiligen Bonifatius zum Kloster Fulda erstmals erwähnt wurde.

Nach Mainz reisten die Menschen mit der Fähre

Im Mittelalter wurde der Hochheimer Wein mittels der Marktschiffen, die zwischen Frankfurt und Antwerpen verkehrten, in alle Welt transportiert. Für die Reisenden nach Mainz hatte das Domkapitel extra eine Fährverbindung eingerichtet, die für 10 Gulden pro Jahr an einen Hochheimer verpachtet wurde. Von 1760 bis 1907 war das die Familie Westenberger. Die Fähre fuhr bis 1963. Die Fährunternehmen betrieben auch Unterkünfte und Wirtshäuser im Bereich der Anlegestellen, so zum Beispiel die Mainlust.

Die ab 1840 verkehrende Taunusbahn war vielen Menschen damals unheimlich, wegen der „hohen Geschwindigkeit“ und der fauchenden Lokomotiven, sodass sie gerne weiterhin die gemütliche Fähre nutzten. 

Von 1842 bis 1974 verfügte der Hochheimer Bahnhof sogar über eine eigene Güterverladestation, die anfangs insbesondere von den Sektproduzenten und später der Malzfabrik  genutzt wurde. Die Unternehmen Wirschinger  und Herring wurden mit Kohlen beliefert, Firma Abt mit Baustoffen und Familie Kantner mit landwirtschaftlichen Produkten. Sogar die Pferde des Händlers Krug brachte die Bahn. Eine große Show war die Wanderung einiger Elefanten vom Bahnhof bis an den Weiher, wo ihr Zirkus gastierte.

Die Sektkellereien nutzen die Bahnlogistik

Das ursprünglich von Georg Kroeschell 1893 erbaute Bahnhofshotel verfügte bereits 1941 über Zentralheizung, fließendes Wasser, Garagen und warb mit „English Spoken“. Die Zimmerpreise lagen bei aus heutiger Sicht sehr überschaubaren 1,50 bis 2 Reichsmark. Nach dem zweiten Weltkrieg sei der Ruf des Etablissements eher zweifelhaft gewesen.

Die Sektkellereien waren Bachem & Fanter im Mainweg 6, sowie ab 1926 C. Bachem im Mainweg 2. Das 1889 erbaute Haus verfügt über dreistöckige unterirdische Keller. 1957 wurde es an den Winzer Hans Quink verkauft. Fanter & Co. residierte seit 1895 am Mainweg 1, heute Neckarstraße 2. 1918 zog „Die Marmelad“ ein, wie die Konservenfabrik von den Hochheimern genannt wurde. 1935 ersteigerte die „Hochheimer Sektkellerei Nachf.“ das Anwesen und verkaufte es 1967 weiter an die Stadt Hochheim, die es als Bauhof nutzte. Auch am Bahnberg wurde Sekt produziert, in der Schenk’schen Kellerei, dem repräsentativen Backsteingebäude mietete sich ab 1922 die Firma Kunz & Boller ein.

Mit dem Auto über den zugefrorenen Main

In Hochheim gab es einmal einen Verschönerungsverein. Seine Mitglieder bauten ab 1898 das Hochheimer Schwimmbad mit Badehaus und einer schwimmenden Plattform mit Sprungbrett im Main an der Stelle der heutigen DLRG. Das seit dem ersten Weltkrieg etwas vernachlässigte Gelände wurde Anfang der 1930er Jahre mit freiwilliger Unterstützung etlicher zu der Zeit beschäftigungsloser Bürger modernisiert. Sand wurde mit Schiffen antransportiert und es gab frisch angelegte  grüne Liegewiesen in diesem Hochheimer Freizeitjuwel. Das nach 1945 schon wieder verfallende Schwimmbad wurde 1974 eingeebnet. Schon seit 1921 gab es den Kanuverein, 1979 wurde der Segelclub gegründet, der 2024  mit einer Regatta sein 25jähriges Jubiläum feierte. In den Wintern der Jahre 1911, 1922 und 1927 hätte das nicht funktioniert, damals fror der Main zu, sodass sich mutige Autofahrer sogar die Flussüberquerung trauten.

In der früher so genannten Unterstadt wohnten hauptsächlich Weinhändler, Sektfabrikanten, Holzhändler, Chemiker und Wasserbau Experten. Ab den 1960er Jahren siedelten sich rund um den Bahnhof weitere Industriebetriebe an, wie die Eternit-Fabrik, die Baustahl-Matten oder Firma Berghoff, deren Chefs auch meist in der Nähe ihrer Arbeitsplätze wohnten. Leider wurden die Ausgangs- wie auch die Endprodukte mehrmals täglich per LKW durch die Altstadt transportiert und ab 1950 verkehrte auch noch der Bahnbus. Das alles gefährdete insbesondere die Stabilität des Küsterhauses, sodass 1998 die Südanbindung eröffnet wurde.

Heute gibt es auf den früheren Industrieflächen die Reihenhäuser der Wilma Siedlung mit der Kita Farbenzauber, dahinter seit 2007 die nicht immer von allen geliebte Kläranlage. In der Ex-Eternit werden Halbfabrikate für die Süßwarenindustrie produziert.

Aber die Südstadt ist nicht nur Industriestandort, führte Elisabeth Bratsch aus, sie hat auch einen großen Freizeitwert mit Wander- und Radwegen, einem gut frequentierten Weinstand und dem besten Blick auf das Altstadtpanorama.

Da der Begriff Unterstadt negativ behaftet sei, stellte Südstadtbewohner Bernd Nida anschließend klar: „Wir sind keine Unterstädter, sondern Südstädter  und das wollen wir auch bleiben.“

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Alt-Hochheim schloss an seinen Dank an die Referentin gleich noch den Hinweis auf die nächste Veranstaltung an. Am 15.11. wird über die archäologischen Funde vom Spatze-Jupp berichtet werden.