Die ersten kratzten am 15. Oktober wohl schon um viertel vor sechs am Tor, um ihre Stammplätze im Gutsausschank Weilbächer zu sichern. Bei der Arbeitsgemeinschaft Alt-Hochheim ging es diesmal um die Antiquitätensammlung vom Merkels-Jupp. Seine Tochter, Professorin Dr. Kerstin Merkel war gemeinsam Mann und Schwiegertochter aus Bayern angereist, um etliche Stücke aus seiner Sammlung zu zeigen, nicht ohne einige Anekdoten über die Sammelleidenschaft ihres Vaters zum Besten zu geben. Klaus Umstätter, Vorsitzender der AAH, hatte die Referentin freundlich als „Hochemer Meedche“ begrüßt, bevor sie gleich einen Grund für die vielen Fundstücke aufführte: „Wenn mein Vater von einem Spaziergang kam, brachte er oft etwas mit nach Hause, zum Beispiel eine keltische Fibel oder eine römische Scherbe. Er hatte sehr gute Augen für sowas und wusste, wo er schauen musste.“

Die Sammlung reichte von der Steinzeit bis ins Mittelalter
Es fing schon in den frühen 1950er Jahren an, als er in einem Sandgrube nördlich von Hochheim den Kiefer eines steinzeitlichen Wollnashorns fand. Solche Funde genossen nicht immer die Zustimmung der Familie, denn „wo stellt man sowas in die Wohnung?“. Daher kann man diesen Kiefer heute im Hochheimer Heimatmuseum bewundern.
Die Schränke im Wohnhaus der Merkels in der Marzelstraße waren allerdings richtig voll mit hunderten von Fundsachen aus Hochheim, wie die Bilder zeigten. Darunter viele Kleinbronzen, Pfeilspitzen oder Metallnadeln und Gürtelschnallen, oft Grabbeigaben aus der Bronze- über die Keltenzeit bis ins frühe Mittelalter, die er in Mengen nach Hause brachte. Jupp Merkel sammelte auch in Nachbarorten, so durchwühlte er den Schutt, der bei der Ausgrabung der Mainzer Römerschiffe angefallen war und konnte unter anderem viele römische Haarnadeln aus Bein oder Elfenbein sichern. In der Hochheimer Südstadt lief er in den 1960er Jahren bei Bodenarbeiten für dortige Industriebetriebe quasi vor dem Bagger her, um Gegenstände aus der Frankenzeit zu retten. So zum Beispiel ein völlig unversehrtes Glasschüsselchen, 1500 Jahre alt, aus dem auf besonderen Wunsch der damalige Pfarrer Mühl Wein schlürfen durfte. Die Denkmalschützer waren seinerzeit sehr kulant, sodass Jupp Merkel zwar einen großen Teil der Funde abgab, aber auch viele Stücke selbst behalten durfte.
Alle Fundorte wurden kartografisch erfasst
Jupp Merkel dokumentierte jeden einzelnen Fund mittels Dateikarten und beschrieb oft auch seinen eigenen Worten, wie er die Sachen aufstöberte. Dazu trug er die Fundorte in eine Landkarte der Hochheimer Gemarkung ein. So fand er im Falkenberg, der Fundstätte des Keltenspiegel viel später etliche weitere Bronzegegenstände. Kerstin Merkel will diese Teile der archäologischen Forschung übergeben.
Fundorte waren nicht nur die Felder, sondern bei Bauarbeiten in der Delkenheimer Straße entdeckte Merkel ein sehr typisches Gefäß aus der Glockenbecherzeit, ca. 2500 Jahre vor Christus und damals gab es noch keine Delkenheimer Straße.
Sehr herausfordernd für die Tochter war Jupps Leidenschaft für alte Waffen, die Ihren Ursprung in alten Flinten früherer Merkelscher Feldschütze hatten. Nach etlichen Diskussionen mit der Waffenbehörde wurde schweren Herzens entschieden, alle Waffen mit Unterstützung eines lokalen Militaria Experten zu verkaufen.
Wenn es etwas aufzustöbern gab, agierte Jupp Merkel sehr spontan. So fuhr er gemeinsam mit seiner Frau Rita im Wohnmobil nach Kappadokien in der Zentraltürkei, um dort spezielle Felsenmalereien für die wissenschaftliche Arbeit seine Tochter zu fotografieren.
Kerstin Merkel hat die Hoffnung, dass das Hochheimer Heimatmuseum die vielen Schenkungen entsprechend würdigen kann
Merkel hatte zudem noch sehr früh angefangen, Münzen zu sammeln. Das Geld zum Kauf der Münzen verdiente sich der junge Jupp durch das verkaufen von aufgesammelten Pferdeäppeln an Rosenzüchter. Am Ende umfasste die Sammlung dreitausend Münzen.
In Merkels Garten kamen etliche Grenzsteine zusammen, die bei Hochheimer Flurbereinigungen übrig geblieben waren, dazu ein sehr altes geprägtes Straßenschild der Marzelstraße. Alle wurden mittlerweile dem Hochheimer Heimatmuseum geschenkt, genauso wie die geretteten schmiedeeisernen Grabkreuze vom Friedhof. Kerstin Merkel äußerte ihre Hoffnung, dass die Grenzsteine nicht im Archiv verrotten, sondern an einem öffentlichen Platz, vielleicht hinter der Kirche aufgestellt werden und die Kreuze an der Friedhofsmauer.
Rita und Jupp Merkel sammelten alte Familienbilder, Pfeifen und Schmuck, Kleidung und Handarbeiten der Vorfahren, Bücher und Lexika vom damaligen Bürgermeister Siegfried und Möbel der Familie Gallo aus dem früheren Antoniter Kloster. Dazu eine Nadeldose, ein Geschenk des jüdischen Kaufhauses Weis und Dreifus an Kerstin Merkels Großmutter. Sie verknüpfte die Anekdote dieser kleinen Dose mit der Aufforderung, nicht nur Altertümer zu sammeln, sondern auch die Geschichten dazu aufzuschreiben, denn nur in der Kombination behalten die Stücke ihren Wert.
