Einen ganz besonderen Schatz aus dem Elternhaus Mainzer Straße 8 (ehem. Spenglerei Kullmann) bewahren Michael und Hildegard Hönig: eine alte Münzwaage aus dem späten 18. Jahrhundert, einer Zeit, in der Hochheim noch zum Domkapitel und damit zum Kurfürstentum Mainz gehörte.

Unter einer Münzwaage versteht man eine kleine Balkenwaage, die üblicherweise zusammen mit Münzgewichten in einem Holzkästchen aufbewahrt wurde. Geeichte Münzgewichte waren für Kaufleute unverzichtbar, um den Wert und die Echtheit von Münzen unterschiedlichster Währungen zu prüfen. Denn bezahlt wurde in früheren Zeiten fast ausschließlich mit Münzgeld – Papiergeld war eine Ausnahme (in der französischen Revolutionszeit) und setzte sich erst deutlich später durch. So brachte erst die Nassauische Landesbank Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten regulären Banknoten heraus, und eine einheitliche Reichswährung gab es sogar erst mit der Reichsgründung 1871.

Im Kurfürstentum Mainz zirkulierten verschiedene Währungen parallel: man rechnete in Gulden und Kreuzern, konnte aber ebenso mit Talern, Dukaten, Hellern und Pfennigen u.v.m. aus benachbarten Fürstentümern bezahlen – sofern man den Wert richtig umrechnete. Gerade auf großen Märkten war es daher notwendig, Münzen auf Echtheit und Gewicht zu überprüfen. Hochheim besitzt eine über 500-jährige Marktradition, und bei den regen Handelsplätzen wechselte stets viel Geld den Besitzer. Eine tragbare, handliche Münzwaage war hier das perfekte Arbeitsinstrument.
Die erhaltene Waage liegt mit den Gewichten in einem schlichten Holzkästchen, das mit Haken und Ösen verschlossen werden kann. Im Kastenboden befinden sich passgenaue Fächer für Waage und Gewichte. In einem verschließbaren Fach liegen kleine, flache Ausgleichsgewichte. Die Balkenwaage funktioniert nach einem einfachen Prinzip: An einer senkrechten Waagsäule hängt der Querbalken mit zwei Waagschalen, die durch Schnüre befestigt sind. Stimmen Gewicht und Münze überein, zeigt der Zeiger genau auf die Mittellinie. Die Schalen der Waage sind unterschiedlich gestaltet – eine rund, eine dreieckig.

Die Gewichte bestehen aus Messing und tragen neben Meisterzeichen auch handschriftliche Beschriftungen in Rot, die eine Zuordnung erleichtern. Sie erlaubten das Prüfen von mindestens sieben verschiedenen Währungen –Pistol und Solpistol, Louisdor, Carolin, Maxdor, Dukaten, Guineen und Taler. Besonders interessant sind die sogenannten Bildgewichte: kleine Symbole und Ornamente, die auch Analphabeten eine Kontrolle ermöglichten.

Hergestellt wurde die geeichte Waage von Johann Daniel vom Berg, einem privilegierten und vereidigten Waagenmacher in der bergischen Hauptstadt Lennep. Das Meisteretikett im Innendeckel datiert die Herstellung auf das Jahrzehnt der 1790er Jahre, ergänzt durch einen handschriftlichen Vermerk: „1799er – aug. Messe in Francfort. Christian Hofmann in Hochheim“. Wahrscheinlich hat Hofmann die Waage tatsächlich auf der Frankfurter Messe erworben.
Christian Hofmann (1759-1813) war ein angesehener Kaufmann in Hochheim. Er betrieb einen Eisenwarenhandel, besaß Weinberge und Ackerland und war zudem ehrenamtlich als Ratsherr, Kirchenjurat und Feldgerichtsschöffe tätig. Sein auf dem Plan im Zentrum von Hochheim an hervorragender Stelle erbautes Haus im seltenen Zopfstil (heute „La Grotta“) zeigt seine Initialen in kunstvollen Kartuschen. Sein Sohn Georg Hofmann verkaufte das Haus an den Metzger Peter Joseph Pink, dessen Tochter den Witwer Christoph Schöckler heiratete. Schöckler wohnte im Haus Mainzer Str. 8 und war Schwiegervater von Joseph Kullmann, dessen Bruder Martin (geb. 1813) Blechschmied war. Noch sein gleichnamiger Enkel Martin Kullmann führte die Spenglerei weiter, an die viele in Hochheim sich noch erinnern. Er war der Großvater von Michael Hönig.
In der Sammlung von Jupp Merkel (heute Kerstin Merkel) befindet sich eine weitere Münzwaage, von der leider nicht mit Sicherheit überliefert ist, ob sie aus Hochheim stammt. Sie ist 20 Jahre jünger als die des Christian Hofmann, wie auf dem Meisteretikett ausgewiesen ist, das sie als Werk des Johann Peter Poppenberg aus Westphalen. Die erhaltenen Gewichte (es fehlen zwei sowie die kleinen Ausgleichsgewichte) sind sehr gut erhalten. Sie stehen für Pistol und Solpistol, Severin, Guinee, Schildlouisdor, Maxdor, Ducat und Carolin.

In den 1770er Jahren erlebte Hochheim eine Phase wirtschaftlichen Aufschwungs. Nachdem im Jahrzehnt zuvor schon der Domherrenhof umfassend erweitert und umgebaut worden war, wurde 1770 die Madonna auf dem Plan errichtet, anschließend begann man mit der aufwändigen Neugestaltung des Kircheninneren von St. Peter und Paul (Altäre, Deckenfresko). Diese Bauarbeiten boten zahlreichen Einwohnern Arbeit und Einkommen. Etwa zwanzig Jahre später führten jedoch die kriegerischen Auseinandersetzungen im Zuge der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege, in denen Hochheim über zwei Jahrzehnte hinweg immer wieder Durchzugsgebiet von Truppen war, zu großer wirtschaftlicher Not. Gleichwohl blieb der örtliche Handel bestehen, wenn auch unter schwierigen Bedingungen wie auch zahlreicher unterschiedlicher Währungen und der ständigen Bewegung von Menschen.
Die Münzwaage ist somit weit mehr als nur ein technisches Werkzeug – sie ist ein Stück Wirtschafts- und Alltagsgeschichte, ein lebendiges Zeugnis des Handels, der Märkte und der Kaufmannstradition sowie der Familiengeschichte in Hochheim.
