Das verlorene Lamm

Objekt des Monats Oktober 2025

Im „Neudörfchen“ ist ein Lämmchen verloren gegangen. An der Hofmauer der Neudorfgasse 12 ist ein Relief angebracht, das auf den früheren Besitzer des Anwesens verweist: „Santae Agnetis Klosters Hoff 1714“ steht in einer sprachlichen Mischung aus Latein und Deutsch in der Inschrift.

Relief im Vergleich (Fotonachweis: AAH)

Es fehlt heute die Figur des Lämmchens, das im Laufe der letzten 20 Jahre durch Witterungs- und Umwelteinflüsse abgefallen ist. Auf alten Fotos ist es noch gut zu sehen.

Das Lamm hält eine Fahne mit einem Kreuz – als christliches Symbol für den auferstandenen Jesus, der den Tod besiegt hat – das „Lamm Gottes“. Eine weitere Darstellung des Lamm Gottes gibt es in der Kirche St. Peter und Paul, wo die Figur am Hochaltar den Tabernakel bekrönt.

Traditionell wird die heilige Agnes mit dem Lamm verbunden (lateinisch „Lamm“ = agnus). Am 21. Januar werden auch heute noch im Vatikan die Agnes-Lämmer gesegnet, aus deren Wolle die Pallien für die Metropoliten gewebt werden.

Das Hochheimer Hofhaus gehörte seit dem Mittelalter dem Mainzer Kloster St. Agnes. Es lag am heutigen Schillerplatz. Die Tochter des Hochheimer Oberschultheißen, Schwester Maria Theresia Steinebach, war hier Nonne. Das Mainzer Kloster wurde für den Bau der Ludwigstraße 1809 abgerissen.

Aquarell von Franz von Kesselstatt: In der Mitte das Kloster St. Agnes, am rechten Bildrand der Osteiner Hof. Im Hintergrund der Mainzer Dom (Fotonachweis: gemeinfrei)

Das Hochheimer Hofhaus war mit Wein- und Ackerland zu Gunsten des Klosters verpachtet. Es wurde offenbar schon vor der Säkularisation 1802 verkauft, da schon 1792 ein Mitglied der Familie Weilbächer, in dessen Besitz das Haus heute noch ist, einen Antrag stellte, die Stadtmauer überbauen zu dürfen. Das Weingut Weilbächer zeigt auch das Relief in seinem Logo.

Der Zahn der Zeit nagt auch an unserer Altstadt. Manche Spuren sehen wir erst, wenn sie schon fast verloren sind.