Die Nadeldose und die „Reichskristallnacht“

Objekt des Monats November 2025. – Es ist nur eine alte Nadeldose aus Metall und verblichenem Samt, doch kann sie viel erzählen über die jüdischen Hochheimer und von den Pogromen am 10.11.1938, der sogenannten „Reichskristallnacht“. Vor zwei Jahren kam die kleine Dose mit zahlreichen anderen Objekten aus der Sammlung Merkel in das Hochheimer Museum. Ursprüngliche Besitzerin war Antonia Siegfried, die sie von den jüdischen Besitzern der Hochheimer Textilhandlung Weis & Dreifuss[1] Dreyfuss als treue Stammkundin als Werbegeschenk bekam. Sie vererbte es ihrer Tochter Rita Merkel, nach deren Tod es in dritter Generation an deren Tochter Kerstin Merkel weitergegeben wurde. In den zwanziger Jahren hat die Firma Bleyle solche Dosen zur Werbung genutzt. Die Händler konnten diese kleinen Geschenke mit dem eigenen Namen personalisieren lassen, so liest man auf der Dose „Weis & Dreifuss, Hochheim a. Main“.

Nadeldose aus der Sammlung Jupp Merkel (Foto: K. Merkel)

Das Geschäft Weis & Dreifuss – Kleidung, Kurzwaren, Reinigung.

1906 wurde das Geschäft von Hugo Herz genannt Dreifuss (*1875) und dessen Schwager Herman Weis gegründet. Es verkaufte in der Weiherstr. 11 sowohl hochwertige Kleidung als auch „Kurzwaren“, also alles, was man für häusliche Textilarbeiten benötigte. Das florierende Geschäft erlaubte den Bau eines neuen Geschäfts- und Wohnhauses in der Weiherstraße auf.

Weiherstr. 11, ehem. Geschäft Weis & Dreifuss (Foto gn/AAH)

Die Familie Dreifuss war gut in Hochheim integriert und allgemein geschätzt. Herr Dreifuss war als Teilnehmer des 1. Weltkrieges mit dem Eisernen Kreuz geehrt worden, und gerade Veteranen schätzten ihn als Patrioten. Die drei Jungs spielten im Hochheimer Fußballverein, die Siegespokale des Vereins wurden in den Schaufenstern ausgestellt.

Doch ab 1933 ging es mit dem Geschäft aufgrund der antisemitischen Hetze bergab. Am 10. November 1938, der sogenannten „Reichskristallnacht“, wurde das Geschäft am späten Nachmittag gestürmt und zerstört. Die Schaufenster des Geschäfts wurden zerschlagen, Waren und Einrichtungsgegenstände auf die Straße geworfen und aus dem oberen Wohngeschoss flogen Möbel und sogar ein Kanonenofen, in dem sich noch glühende Kohlen befanden. Im Schlafzimmer lag der zu diesem Zeitpunkt schwer erkrankte Dreifuss, während SA-Leute um ihn herum die Wohnung verwüsteten. Dreifuss versuchte in einem unbeobachteten Moment, sich mit den Scherben eines Spiegels die Pulsadern aufzuschneiden, der herbeieilende Hausarzt Dr. Santlus konnte ihn aber retten und ließ ihn in das Hochheimer Krankenhaus bringen.

Mehrere Zeitzeugen haben betont, dass nicht nur auswärtige SA-Leute, sondern auch Hochheimer aktiv an dem Überfall beteiligt waren. Ein stadtbekannter Hochheimer habe mit einem Beil die Milchglasscheibe der Ladentür eingeschlagen.

Die Söhne der Familie Dreifuss sind in die USA emigriert.  Auch den Söhnen der Familie Weis gelang nach mehrwöchigen Aufenthalten im KZ die Ausreise in die USA. An die Familien Weis und Dreifuss erinnern die 2010 verlegten „Stolpersteine“ des Künstler Gunter Demnig.

Die Besitzerinnen

Antonia Siegfried (1901 – 1968) stammte aus dem Schuhhaus Hofmann und wuchs mit ihren Geschwistern in der Hochheimer Altstadt auf, wo sie im Geschäft half. Als begeisterte Handarbeiterin war sie Stammkundin bei Weis & Dreifuss. Laut Familienüberlieferung stickte bei dem prachtvollen Tragebaldachin der Katholischen Kirche mit, der heute noch in den Prozessionen genutzt wird.

Familie Siegfried, um 1939: Die beiden Besitzerinnen der Nadeldose, links Antonia Siegfried (1901-1968), rechts Rita Merkel (1929-2023), dazwischen Georg Siegfried (1898-1971) mit den Kindern Willi und Maria (Foto K. Merkel)

Rita Merkel erlebte als Kind und Jugendliche den Nationalsozialismus sowie den 2. Weltkrieg in seiner ganzen Dimension. Als in Hochheim die jüdischen Geschäfte und Häuser überfallen wurden, wollte sie hinlaufen, aber ihre Mutter verbot es ihr. Beide haben das Nadelkissen wie eine Reliquie aufbewahrt. Als es in den Besitz von Kerstin Merkel kam, fand sie darin einen handschriftlichen kleinen Zettel ihrer Mutter mit der Anweisung, das Stück ins Museum zu geben. (Wiederholung s.o.) An dem bescheidenen Stück kann man ein wichtiges Stück Geschichte Hochheims nachvollziehen, weil diese innerhalb der Familie Merkel gepflegt und überliefert wurde.

(Prof. Dr. Kerstin Merkel)

Hinweis auf die ausführliche Publikation von Prof. Dr. K. Merkel, Die Nadeldose und die „Reichskristallnacht“ – Ein Relikt der jüdischen Textilhandlung Weis und Dreyfuss in Hochheim, in: MTK Jahrbuch 2025, 59 ff.


[1] Die Schreibweisen des s ist sehr unterschiedlich. Für Dreifuss findet sich auch Dreyfus, Dreyfuss, Dreyfuhs und Dreifusz. Im vorliegenden Text ist der Name auf Dreisfuss vereinheitlicht, weil sich diese Schreibform auch auf der Nadeldose findet.