Objekt des Monats Dezember 2025. – Mehr als 70 Jahre lang bewahrte der Hochheimer Heimatfreund, Dichter und Musiker Toni Munck (1929-2023) ein unscheinbares, aber geschichtlich bedeutsames Relikt: das Bruchstück einer Glocke. Es ist etwa 12 cm lang und gehörte zur „Mater Dolorosa“, die 1942 zerschlagen wurde, als die Kirchenglocken von Hochheim für Kriegszwecke abtransportiert wurden.

Glocken für den Krieg
Im November 1941 ordnete Hitler an, die für Kriegszwecke wertvollen Rohstoffe von Glocken zu nutzen. Da es schon im 1. Weltkrieg erheblichen Widerstand gegen die Einziehung der Kirchenglocken gegeben hatte, versuchte man, die Kirchen und Gläubigen nicht unnötig zu provozieren. So ließ man auch die jeweils kleinste Glocke als Läutglocke am Ort. Es gab dennoch viel Kritik, Verstimmung und vereinzelt sogar Demonstrationen. Insgesamt wurden bis Kriegsende mehr als 102.000 Glocken eingezogen, davon etwa 75.000 eingeschmolzen, die übrigen gelagert. Das Hauptlager befand sich im Hafen von Hamburg – ein regelrechter Glockenfriedhof.

Der Abtransport der Glocken in Hochheim sollte offenbar nicht publik gemacht werden, so gab es keine Ankündigung oder Berichterstattung im Hochheimer Stadtanzeiger. Damals bildeten vier Glocken das Geläut: drei barocke stammen aus dem Jahr 1764 und läuten heute noch – die Christus-Glocke (1340 kg, Schlagton d), die Petrus-Glocke (940 kg, Schlagton f) und die Paulus-Glocke (450 kg, Schlagton a). Eine weitere Glocke aus dem Jahr 1764, die kleinste, war gesprungen und deshalb schon 1866 neu gegossen worden. Diese „Kling-Glocke“ passte harmonisch nicht zum Geläut. Ihr Verlust im 1. Weltkrieg 1917 – sie wurde zertrümmert, um aus ihr Kanonen zu gießen – wurde deshalb als weniger schmerzhaft empfunden.
1930 war eine neue 4. Glocke geweiht worden: Die Mater Dolorosa, „schmerzerfüllte Mutter“, eine Kriegergedächtnisglocke.

Dolorosa, die „Schmerzerfüllte“ – Kriegergedächtnisglocke von 1930
Sie stammte aus der traditionsreichen Werkstatt der Gebrüder Ulrich. Einzelne Buchstaben des Namens der Glockengießerei sind auf unserem Bruchstück deutlich zu erkennen „… ebr. Ul…“. Diese Glockengießerei bestand von 1722 bis 1988 in der thüringischen Stadt Apolda. Sie stellte insgesamt etwa 20 000 Glocken in allen möglichen Größen her (u.a. die größte freischwingende Kirchenglocke der Welt: die St. Petersglocke im Kölner Dom). Glocken aus der Apoldaer Firma hängen bis heute in Kirchen auf fünf Kontinenten.
Eine lateinische Inschrift zierte den Glockenkörper: Mortui sumus pro vobis: Orate, amici, pro nobis! („Gestorben sind wir für euch: Betet, Freunde, für uns!“). Sie sollte an die 107 gefallenen bzw. vermissten Hochheimer Soldaten des 1. Weltkriegs erinnern, auch an das Leid der Hinterbliebenen, und zugleich Mahnung an die Lebenden sein, nicht zu vergessen.
Am 22. September 1930 wurde sie in einer feierlichen Prozession von der Bahn zum Kirche gebracht und durch Pfarrer Herborn geweiht, der sich verdienstvoll für ihre Anschaffung eingesetzt hatte. Groß war die Anteilnahme an der Weihe: Vereine mit ihren Bannern, Musikvereine, Chöre, Schulklassen, Kirchenvorstand und viele Gemeindemitglieder gestalteten die Feier mit.

Die Dolorosa war auf den Schlagton „h“ gestimmt, wog mehr als 45 Zentner (mehr als 2200 kg) und war damit die mit Abstand größte der Hochheimer Kirchturmglocken. Ihr voller, mächtiger Klang verlieh dem Geläut neue Kraft. Die stolzen Hochheimer fühlten sich jetzt ihren Nachbargemeinden Flörsheim, Bischofsheim und Rüsselsheim ebenbürtig. In den ersten Jahren des 2. Weltkrieg hörte man dann ihr „schweres und banges“ Läuten, wenn ein Soldat zur letzten Ruhe geleitet wurde.
Zerschlagen im Kirchturm
Vom 27.-29. Mai 1942 wurden schließlich die Hochheimer Glocken für Kriegszwecke abgeholt. Die Pfarrchronik berichtet, dass zuerst die Dolorosa – wohl wegen ihrer Größe – im Turm in Stücke geschlagen wurde: „Die Töne, die dabei entstanden, klangen wie das Stöhnen eines totwunden Tieres. Dann kam die Reihe an die Christusglocke, und dann an die Petrusglocke, die beide unversehrt heruntergelassen wurden. Die kleine Glocke, die Paulusglocke, ist uns geblieben. Einsam hängt sie oben im Glockenstuhle.“

Beim Zerschlagen der Dolorosa blieb kleinteiliges Bruchmaterial zurück, das von Gläubigen gesammelt und aufgehoben wurde. So gelangte auch der damals 12 Jahre alte Toni Munck an sein Fragment, das er sein Leben lang aufbewahrte und oft als Briefbeschwerer nutzte. Den Verlust der Glocke konnten die Hochheimer Katholiken nie überwinden, so wie sie auch kein Verständnis dafür hatten, dass gerade die Kriegergedächtnisglocke zerschlagen wurde.
Rückkehr und Neubeginn
Die beiden barocken Glocken wurden in den Hamburger Hafen verschleppt, aber nicht eingeschmolzen. Wie etwa 13.000 andere Glocken konnten sie nach Kriegsende zurückgeführt werden. Die Hochheimer wurden zunächst in den Hanauer Hafen gebracht, bis sie am 23. August 1947 in feierlicher Prozession vom Plan zur Kirche zurückgeführt wurden. Am 24. Dezember, Heiligabend, läuteten um 17, 18 und 19 Uhr alle drei Glocken zum ersten Mal wieder. Welch schönes Weihnachtsgeschenk für die Hochheimer!

Dank der Spenden von Hochheimer Bürgerinnen und Bürgern und der Initiative des damaligen Pfarrers Hans wurde am 4. Mai 1958 eine neue Dolorosa mit der gleichen lateinischen Widmung wie ihre Vorgängerin geweiht, zum Gedenken an die Gefallenen der beiden Weltkriege. Die Firma Petit & Gebr. Edelbrock hatte sie auf den Ton c mit einem Gewicht von 2.250 kg gegossen. 35 kg Gussmasse ihrer Vorgängerin enthält sie – aus dem für Einschmelzung wiederverwendeten Bruchmaterial, das die Hochheimer zur Verfügung gestellt hatten. Die Hochheimer Zeitung sprach den Wunsch aus, dass die neue Mater Dolorosa für alle Zeiten ihren Platz im Glockenstuhl behalten, Stimme Gottes sein möge und niemals zweckentfremdet werde.

Die gleiche Glockengießerei stellte 2015 die „Anna“ her (Ton g, 670 kg), die aus Dankbarkeit für 70 Jahre Frieden gestiftet worden war und damit gedanklich die Dolorosa ergänzt. Heute besteht also das Geläut von St. Peter und Paul aus fünf Glocken.
Das kleine Bruchstück, das Toni Munck über Jahrzehnte hütete, ist mehr als ein Stück Metall. Es erzählt von Kriegszeiten, vom Leid und Schmerz des Verlustes, von Trauer und Hoffnung. Und es mahnt uns bis heute der Opfer von Krieg und Gewalt zu gedenken und Verantwortung dafür zu tragen, dass Krieg und Leid nie wiederkehren.
Dr. Gabi Nick
Quellen:
- Neuer Hochheimer Stadtanzeiger 20.9.1930 und 23.9.1930; Hochheimer Stadtanzeiger 28.4.1958 und 6.5.1958.
- Pfarrchronik von St. Peter und Paul, Hochheim am Main, mit freundlicher Erlaubnis von Pfr. F. Meudt.
- K. Müller, 200 Jahre Katholische Pfarrkirche Hochheim am Main 1732/1932 (1932) S. 35f.
- Chronik – Pfarrführer – mit Bücherverzeichnis der Borromäus-Bibliothek, hrsg. v. Kathol. Pfarramt Peter und Paul Hochheim a.M. (1960) S. 11.
- P. Mertens, Erweiterung der Orgel und Einbau eines neuen Glockenstuhls mit neuer, fünfter Glocke, hrsg. vom Verwaltungsrat der Kathol. Kirchengemeinde St. Peter und Paul, Hochheim am Main (2015).
- youtube „Hochheim St. Peter und Paul Annaglocke & Mater dolorosa“ (19.9.2015)
- wikipedia s.v. „Glockenfriedhof“
- Archiv Foto Hirchenhein – mit freundlicher Genehmigung der Stadt Hochheim
