Objekt des Monats Januar 2026: Von Kopflasten, Ruhen und mörderischen Schweinen

Am Wegesrand der Wieserruh, dem Wirtschaftsweg zum Weingut Diefenhard, steht ein roter Sandsteinpfeiler – inzwischen etwas schief, rund eineinhalb Meter hoch. Vielen Spaziergängern dürfte er kaum aufgefallen sein, andere fragen sich vielleicht, was es mit diesem merkwürdigen Stein auf sich hat.

Ein zweites Exemplar findet sich nur wenige hundert Meter entfernt am Wirtschaftsweg, der parallel zur Flörsheimer Straße entlang der Weinberge verläuft. Dort steht der Pfeiler hinter einer Ruhebank – und verweist auf seine ursprüngliche Funktion, die auf einem Schild der Arbeitsgemeinschaft Alt-Hochheim erklärt wird: Es handelt sich um sogenannte Ruhesteine oder „Ruhen“. Sie dienten Händlern, Botengängerinnen oder anderen, die ihre Lasten auf dem Kopf transportierten, als Hilfe zum Absetzen und Wiederaufnehmen ihrer Körbe, Beutel oder Bündel – ganz ohne fremde Hilfe.

Oft waren es Frauen, die solche Kopflasten trugen – bis zu 25 Kilogramm schwer. Auf einem Gemälde des Malers Laurenz Janscha von 1792 ist eine junge Frau zu sehen, die vor dem Panorama der Hochheimer Kirche und Weinberge einen Korb auf dem Kopf balanciert. Vielleicht brachte sie den arbeitenden Männern im Weinberg das Mittagessen, sammelte auf dem Rückweg Grünfutter, Holz oder Reben – und trug die Last sicher nach Hause. Die Weiden- oder Strohkörbe heißen „Mahne“.

Laurenz Janscha, Ansicht von Hochheim, 1792 (Bild in Privatbesitz), Foto AAH

Bei der Weinlese waren die sogenannten „Zubermädchen“ besonders gefragt: Sie transportierten die schweren Holzzuber voller Trauben auf dem Kopf zum Wagen mit der Traubenmühle – und verdienten dafür mehr als die einfachen Traubenleserinnen. Auf einem alten Foto (Herkunft unbekannt) sind drei Frauen mit Holzzuber auf dem Kopf zu sehen. Ein „Kitzel“ unter dem Zuber, mit Haferstroh gefüllt, ermöglichte besseres Ausbalancieren und dämpfte den Druck des Holzzubers.

Weinlese in Hochheim, links Josef Lessel mit Tochter, Herkunft und Alter des Fotos unbekannt (Archiv AAH)

Weniger angenehm war der Transport von Mist. Frauen mussten den Dünger, der an den Rand der Weinberge gefahren worden war, mit sogenannten „Mistmähnchen“ auf dem Kopf bis in die Rebzeilen tragen. Der dazugehörige Spruch lautete: „Wenn sie keinen Mist tragen will, braucht sie auch keine Trauben lesen.“

Noch bis ins frühe 20. Jahrhundert erinnerten sich Zeitzeugen an Waschfrauen, die die Wäsche wohlhabender Wiesbadener Familien auf dem Kopf zum Weiher und zurück trugen. Andere Frauen boten auf dem Wiesbadener Markt Obst und Gemüse an, das sie in großen Weiden- oder Stroh­körben transportierten – den Kartoffelmahne oder Appelmähnche.

Auch Botenfrauen mit festen Routen waren bekannt: Frau Lauer, die „Botenlauer“, belieferte regelmäßig Mainz, Frau Großmann aus dem Neudörfchen war bis 1930 für den Warenverkehr mit Frankfurt unterwegs. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg sah man in Hochheim vereinzelt Frauen mit Körben auf dem Kopf.

Ruhe an der Wickerer Warte (mit Mauerwerk gefüllt)
Zeichnung der Ruhe an der Wickerer Warte von Otto Schwabe

In einer Sitzung der Arbeitsgemeinschaft Alt-Hochheim am 2. Dezember 1939 erwähnte Franz Velten weitere Ruhesteine in der Hochheimer Gemarkung, die heute nicht mehr existieren – an der westlichen Bahnhofstraße, im Weilerweg und im „Raber“. Diese dürften von der Bauart gewesen sein, bei der ein Querbalken auf zwei Pfosten ruht (niedriger als die beiden Ruhen für die Kopflasten). Auf ihm konnten auch schwere Rückenlasten abgestellt werden, ohne sie vollständig abzunehmen. Eine solche Ruhe ist an der Wickerer Warte noch erhalten – inzwischen allerdings zugemauert. Eine Zeichnung von Otto Schwabe zeigt sie im ursprünglichen Zustand. Auch an der Kapelle in der Flörsheimer Gallusstraße befindet sich eine Ruhe dieser Art, die zugleich Raum für ein kurzes Gebet bot.

Ruhe an der Kapelle, Gallusstraße in Flörsheim

Ein Gemälde des Malers Caspar Schneider über das Bombardement von Mainz 1793 zeigt Beobachter des Geschehens von den Hochheimer Weinbergen aus. Im Vordergrund erkennt man eine Kapelle mit einer Ruhe – ergänzt um einen zusätzlichen, niedrigeren Ruhebalken. Der Künstler verband hier wohl die Steinkapelle oder die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Dreifaltigkeitskapelle mit einer der Ruhen aus dem Raber oder dem Weilerweg.

Caspar Schneider, Das brennende Mainz von Hochheim aus, SMBP 313.1 D, mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Mainz, Bild- und Plansammlung

Doch das Ausruhen konnte gefährlich werden: Emil Christ berichtete in derselben Sitzung der AAH eine düstere Geschichte, die er von seinem Vater gehört hatte. Ein Hochheimer Häcker trug ein geschlachtetes Schwein von der Wiesenmühle heim. Als er sich auf dem Ruhestein an der Bahnhofstraße niederlassen wollte, glitt er aus – und da das Aufhängeholz vor seiner Brust lag und die Last ihn nach hinten zog, wurde er von der Schlinge erdrosselt.

Ein ähnlicher Unfall soll sich in Flörsheim ereignet haben. Ein Relief am dortigen Maintor erinnert an den Vorfall – mitsamt der dargestellten Ruhe.

Relief in Flörsheim, am Mainturm

Mit den verbesserten Straßenverhältnissen verschwanden die Kopflasten allmählich aus dem Alltag. Karren und Handwagen übernahmen ihre Funktion. Nur die beiden noch erhaltenen Ruhesteine zeugen in Hochheim heute von dieser mühevollen, aber eindrucksvollen Vergangenheit.

(mehr dazu: Kl. Maas, Kopflasten und Ruhesteine – harte Frauenarbeit, im Heft 8, 1986, 14f. der AAH)

(Artikel von G. Nick)