Hochheimer Tabakspfeifen

Objekt des Monats März 2026

von Prof. Dr. Kerstin Merkel

In der Familie Merkel haben sich einige Pfeifen aus dem 19. Jh. erhalten.

Im späten 19. Jahrhundert war das Pfeifenrauchen fester Bestandteil des gemütlichen Beisammenseins, vor allem der Feierabend wurde gerne mit einem Wein und einer Tabakpfeife begangen. Weinstuben spielten dabei eine wichtige Rolle, und von denen gab es in Hochheim eine Menge. Einen besonderen Schub erlebte das Pfeifenrauchen im Biedermeier (ca. 1814-1850). Das häusliche Glück und der heimische Garten wurde zum Lebensmittelpunkt, die „Gemütlichkeit“ wurde erfunden. Dazu gehörte auch die abendliche Pfeife.

„Wingertspfeife“ aus Rebholz (Foto: Kerstin Merkel)

Typische Hocheimer Pfeifen sind zwei Exemplare, die aus Reben hergestellt wurden. Otto Schwabe hatte ihnen den Namen „Alraun-Pfeifen“ gegeben. Vergleichbar sind auch Pfeifen aus Wurzelholz, die aussehen wie amorphe Wesen. Eine solche befindet sich auch im Besitz der Familie Merkel. Die Pfeife besteht aus mehreren ineinandergesteckten kurios gewachsenen Wurzelstücken, und der Pfeifendeckel wurde als Schweinekopf aus Holz geschnitzt.

Wurzelpfeife mit Schweinekopf als Pfeifendeckel (Foto: K. Merkel)

Drei für das 18. Jh. typische Pfeifen bestehen aus dem sogenannten „Meerschaum“. Der Sepiolith wird vor allem in der Türkei abgebaut. Es ist ein weißes, stark säureempfindliches Silikat, vollkommen geschmacksneutral und deshalb bestens für Pfeifen geeignet. Man brach es in dichten, zähen schneidbaren Massen, die gedrechselt oder geschnitzt, dann im Trockenraum getrocknet, hierauf mit Schachtelhalm geglättet, zuletzt in Wachs oder Öl gesotten wurden. In Deutschland wurde 1893 roher Meerschaum im Werte von 183 000 Mark eingeführt. Um 1800 gab es Lemgo 27 Fabriken, in denen Meerschaumpfeifen hergestellt wurden. Hier kam man auch auf die Idee, die Schnitzabfälle weiter zu nutzen und zu neuen Material zu pressen.

Die erste, nur 9 cm lange Meerschaum-Pfeife besitzt ein Mundstück aus Bernstein. Drei filigran geschnitzte Möpse zieren das Pfeifchen, der rechte ein wenig kleiner als die beiden anderen.

Möpse waren und sind als Hunde große Bedeutungsträger und vielseitig zu interpretieren. Im Gegensatz zum Arbeitshund waren sie eher nutzloses Dekor, eine Attribut der reichen Gesellschaft. 1738 wurde gar ein Mopsorden gegründet, in dem es recht humoristisch zuging. Möpse auf Meerschaumpfeifen waren beliebt und finden sich in vielen Varianten im Antiquitätenhandel.

Die zweite Pfeife ist mit 13 cm etwas größer. Sie besitz ein helles Mundstück aus Bernstein. Auf der Pfeife steht ein dünnes Ferkel, unter dessen Rüssel vier Asse eines Kartenspiels aufgefächert sind. Die Pfeife thematisiert Kartenspiel-Treffen und steht für das Glück, das man sich hier wünscht, im übertragenen Sinne „Schwein gehabt“. Das Motiv ist selten.

Pferdekopf-Pfeife (Foto: K. Merkel)

Die dritte Pfeife besteht aus einem dunkel eingefärbten Pferdekopf, den Meerschaum kann man nur an den leicht abgenutzten Kanten erkennen. Der Kopf steckt auf einem gedrechselten Holm, wahrscheinlich Nussbaumholz. Die Brennkammer für den Tabak findet sich auf der Rückseite des Kopfes, sozusagen in der Mähne.

Die letzte Pfeife, die ich hier vorstellen möchte, zeigt einen Faun, der am Fuß der Brennkammer kniet. Diese kann durch einen Deckel verschlossen werden. Der Faun ist als antike Mythengestalt sehr sorgfältig gearbeitet. Er steht für animalische Lebensfreude, für exzessiven Genuss und Sinnesfreude – so auch sicher für den Genuss, den man beim Tabakkonsum empfand.

Diese Pfeife gehörte Kaspar Höger (21.3.1831 – 7.4.1915). Ihr lässt sich auch eine Geschichte zuordnen, die Jupp Merkel (2.5.2023 – 30.04.2023) aus seiner Grundschulzeit erzählte: „Wir haben unsere Ahnen berechnet und Stammbäume gezeichnet. Ich kam dann spontan bis auf meinen Ururgroßvater und habe als Beweis am nächsten Tag seine Tabakspfeife mit in die Schule gebracht, was sehr bewundert wurde.“ Ein Tabakspfeifchen als Beleg für die nationalsozialistische Ahnenprobe, ganz spielerisch und kreativ in den Schulunterricht integriert.

Pfeife mit Faun (Fotos: K. Merkel)

Wie eifrig die Pfeifen zu ihrer Zeit benutzt wurden, davon zeugt noch heute der Geruch von Tabak, der ganz deutlich auch noch 150 Jahren aus den Brennkammern duftet.

An einem munter verlaufenden „Tabakabend“ wurden am 25. Februar 1939 bei der Arbeitsgemeinschaft Alt-Hochheim eine Menge Pfeifen, Pfeifenköpfe und Deckel, Schnupftabaksdosten, Schlagstahl, Feuerstein und alte Feuerzeuge vorgelegt. „So sahen wir eine Alraun- oder Wurzelpfeife, ein Pfeifchen mit Nachteulen und eines in Form eines Mephistokopfes. Pfeifenköpfe waren mit schönen Zunftzeichen bemalt, mit Napoleon auf dem Schimmel, mit Jagdstücken und selbst mit dem Schinderhannes seinem Julchen.“, schreibt der Chronist. Otto Schwabe hat einige der damals gezeigten Stücke in einer Zeichnung festgehalten.

Zeichnung von Otto Schwabe (Foto: Archiv Arbeitsgemeinschaft Alt-Hochheim)

Die Arbeitsgemeinschaft Alt-Hochheim freut sich, wenn sich noch mehr Pfeifen aus altem Hochheimer Familienbesitz finden. Gerne melden unter info@alt-hochheim.de oder Tel. 837384.