Der Mönch vom Kaiserhof

Objekt des Monats April 2026

von Gabi Nick

Die Holzfigur eines Mönchs, von Dieter und Rita Mehler liebevoll „Frère Fernand“ genannt, schmückt heute den Garten der Familie. Ursprünglich stand sie in der Weinstube des traditionsreichen Kaiserhofs. Warum dort – und zudem in doppelter Ausführung, wie sich Dieter Mehler erinnert – zwei Mönchsfiguren ihren Platz hatten, ist heute nicht mehr bekannt. Immerhin – er prostet mit einem Weinpokal den Gästen zu, und da Hochheim über Jahrhunderte dem Mainzer Domkapitel angehörte, passt auch die Geistlichkeit in die Weinstube.

Holzfigur des Mönchs, etwa 90 cm hoch

Der Kaiserhof war über Generationen hinweg ein fester Bestandteil des Hochheimer Lebens. Dieter Mehlers Vater Paul führte den Gasthof als letzter Inhaber, nachdem er ihn von seinem Vater Franz übernommen hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte Paul Mehler den Betrieb mit großer gastronomischer Erfahrung wieder zum Blühen und machte ihn – nicht zuletzt dank seiner hervorragenden Küche – weit über die Region hinaus bekannt.

Die Weinstube des Kaiserhofs, mit der Figur des Mönchs in der Ecke (Archiv Foto Hirchenhein)

Schon in den ersten Nachkriegsjahren wurde der große Saal des Kaiserhofs wieder zu einem Ort der Begegnung und Lebensfreude. Viele Hochheimer erinnern sich noch heute an die zahlreichen Fastnachtsveranstaltungen, die legendären „Fastnachts-Beerdigungen“ sowie an die Aufführungen des „Weißen Rössl am Wolfgangsee“ in den Jahren 1947 und 1958 durch die Sängervereinigung. Namen wie Annelie Waas, Toni Munck und Gabi Christ sind bis heute mit diesen Inszenierungen verbunden.

Vor allem in den 50er und 60er Jahren „brummte das Geschäft“. Ganze Busse mit Mitarbeitenden von Firmen genossen in den Wirtsstuben und im Saal des Kaiserhofs, der 500 Gäste fassen konnte, ihr Essen. Wenn aber die Kultband Tivoli aufspielte oder am Hochheimer Markt waren eher 800-1000 Menschen im Saal, der mit seinen zwei Galerien eine besondere Atmosphäre für die Gäste schuf. Auch die Frankfurter Fußball-Damen vom FFC feierten hier ihren gewonnenen Titel der Deutschen Meisterschaft – da sei es hoch hergegangen, laut Dieter verstanden es die Damen zu feiern.

Der „Kaiserhof“ heute (Frankfurter Str. 1-3, Foto G.Nick)

Der junge Dieter half selbstverständlich im Service mit. Selbst wenn er mal das Kino besuchte, musste er seinen Platz neben der Anweiserin wählen, denn oft genug wurde er rausgerufen: „Dein Vater hat gerade angerufen – du musst nach Hause kommen und helfen.“

Dieter half auch gerne bei den Tanzkursen und Abschlussbällen der Tanzschule als beliebter Tänzer aus. Am Hochheimer Markt war es seine Aufgabe, am Plan zu stehen und die Marktbesucher, die vom Bahnhof her in die Stadt strömten, erst einmal zum Essen von Rippchen mit Kraut in den Saal zu lotsen.

Ein besonderes Ereignis war 1955 die Live-Übertragung des „Frankfurter Weckers“, eines Radioprogramms des Hessischen Rundfunks, das unter der Moderation von Hans-Joachim Kulenkampff vor Publikum live im Kaiserhof aufgenommen wurde.

Während des 1950 eingeführten Hochheimer Weinfestes lag der Kaiserhof im Zentrum des Geschehens. Es entwickelten sich enge Beziehungen zur Stadt Frankfurt: Die ersten Hochheimer Weinfeste waren Kooperationen mit Frankfurt, die Hochheimer Prinzeß-Margot-Garde, die ihre Sitzungen im Kaiserhof abhielt, war Leibgarde der Stadt Frankfurt. Der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb (+1956) war oft Gast im Kaiserhof. Regelmäßig ließ er sich ein Mal in der Woche von seinem Chauffeur dort absetzen, habe einen Kaffee oder einen Schoppen getrunken und in Ruhe die Zeitung gelesen, weiß Dieter Mehler.

Ein „diplomatisches Highlight“ war 1956 der Besuch von Indira Gandhi, Tochter des damaligen amtierenden Premierministers Jawaharlal Nehru, die mit einer indischen Delegation die Sektkellerei Burgeff in Hochheim besucht hatte. Auch im Kaiserhof machte sie Station – und der junge Dieter erhielt die besondere Ehre, ihr persönlich die Hand zu reichen.

Hochheimer Weinstube mit Gartenwirtschaft von Theodor Payer betrieben. Ansichtskarte aus der Sammlung Klaus Umstätter (Foto Archiv AAH)

Die Weinstube, in der der hölzerne Mönch stand, befand sich im Eckhaus am Plan, das 1886 errichtet worden war und die alte Schildwirtschaft „zum Rappen“ ersetzte. Sie konnte über die Tür in der Frankfurter Straße und den Flur betreten werden. Auf der gegenüberliegenden Seite war der Tresen, der auch Zugang zum dahinterliegenden Saal bot. Der Saal hatte erst gegen 1907 eine Gartenwirtschaft überbaut, die auf alten Ansichtskarten noch gut zu erkennen ist.

Die Weinstube nach dem Brand 1971 (Foto Dieter Mehler)

Die Weinstube, aus der Dieter Mehler unseren Mönch rettete, brannte 1971 nach einem Kurzschluss aus. Der verheerende Brand läutete das Ende der Ära des Kaiserhofs ein, zumal Paul Mehler schwer erkrankt war und die Familie sich entschloss, den Kaiserhof nicht weiterzuführen. Der Gebäudekomplex wurde verkauft. Im Eckhaus zog zunächst die Paracelsus-Apotheke ein. Der Saal verfiel. In den 1990er Jahren kaufte Rolf Kyritz die Häuser und restaurierte sie aufwändig. Im Eckhaus am Plan wird nun im kleinen Rahmen die alte Tradition als Gaststätte fortgeführt.

Die Arbeitsgemeinschaft Alt-Hochheim freut sich, mit diesem „Objekt des Monats“ ein Stück lebendiger Heimatgeschichte bewahren zu können – und dankt Dieter Mehler herzlich für seine Erinnerungen und die Bewahrung dieses besonderen Zeugnisses vergangener Zeiten.

Claudia Kramer und Gabi Nick von der Arbeitsgemeinschaft Alt-Hochheim zu Besuch bei Dieter Mehler (Foto: R. Mehler)