Von den wilden Zwanzigern und ausschweifenden 70ern

Vortrag bei der AAH über das Einhorn und den Kaiserhof

Da hätte man fast den alten Saal des Kaiserhofs brauchen können. So viele interessierte Besucher strömten am 17.3.2026 in den Klosterhof, dass sogar noch Stühle von der Gartenwirtschaft in den Gastraum getragen werden mussten. Kein Wunder, das Thema der Arbeitsgemeinschaft Alt-Hochheim waren die wohl legendärsten vergangenen Gasthäuser in der Altstadt. Viele lockte auch die Hoffnung, Erinnerungen an manche in der eigenen Jugend erlebten Feiern und Bälle auffrischen zu können.

Die Vorsitzende der AAH, Dr. Gabi Nick, startete den Abend nach der Begrüßung mit einem geschichtlichen Überblick der frühen Hochheimer Gastronomie.

Dr. Gabi Nick, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Alt-Hochheim führt den Mantel des PMG Sitzungspräsidenten Karl Lembach vor Foto © Achim Munck

Unter der Herrschaft des Mainzer Domkapitels wurde streng unterschieden zwischen Straußwirtschaften und den konzessionierten Schildwirtschaften. Erstere waren meist kleinere Schankstuben der Winzer, die nur eigenen Wein ausschenken und dazu einfache kalte Speisen, wie Schwarzbrot, Butter und Käse, reichen durften. Ganzjährige Öffnungszeiten gab es schon gar nicht, vielmehr durften die Winzer ihren Ausschank nur zwischen Herbst und Ostern, sowie rund um die Märkte öffnen.

Die Schildwirtschaften hatten schon mehr Privilegien, unterlagen aber der Schildgerechtigkeit, das heißt, sie mussten eine Konzession erwerben und eine Reihe anderer Auflagen, wie Lage und Qualität, erfüllen. Dafür durften sie ein Schild aufhängen und mit dieser Werbung Gäste anlocken. Es gab besseres warmes Essen und auch Übernachtungsmöglichkeiten. Erst die preußische Regierung ermöglichte mit der Reformierung des Gewerberechts um 1870 größere Freiheiten.

Es gab Bier und Wein im Jahreswechsel 

Das Einhorn in der Mainzerstraße 5, heute Café Duchmann, war ursprünglich die einzige Hochheimer Gemeindeherberge und wurde ab 1621 vom Biersieder Johann Westenberger betrieben. Das half sicherlich, eine der Regeln zu erfüllen, nach der abwechselnd ein Jahr Bier und dann wieder Wein zu verzapfen, also auszuschenken war. Die Gemeindewirte gehörten zur Hochheimer Oberschicht und verstanden es auch durch geschickte Verheiratungen, die Rechte zum Betrieb von Wirtschaften lange Zeit in den Familien zu halten.

Trotzdem wurde das Einhorn 1893 an Nikolaus Duchmann verkauft, dem es in der Hintergasse zu eng für seinen landwirtschaftlichen Betrieb geworden war. Die Anwesen sind jetzt seit vier Generationen im Familienbesitz, dazu gehört auch die ehemalige Rose, heute das vietnamesische Restaurant Viet Nath. Der Name Einhorn wurde nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr weitergeführt, aus den Gasträumen wurde ein Ladengeschäft. 1985 wurde das Haus zusammen mit dem Nebenhaus, das lange Zeit die Sattlerei Munk beherbergt hatte, abgerissen und durch den heutigen Bau ersetzt.

Aus dem Rappen wurde der Kaiserhof mit den wilden 20ern

Die andere Schildwirtschaft war der Rappen, lange bevor der Kaiserhof 1886 erbaut wurde. Die Ursprünge sind nicht exakt dokumentiert, allerdings gab es bereits 1562 eine Wirtin (!) zum Rosse. Der letzte Wirt des Rappen in der Frankfurter Straße 1 war der aus Frankfurt stammende Karl Georg Florian Payer. Er kaufte auch das Nebenhaus, die Nummer 3, ließ beide abreißen und baute zunächst das heutige Eckhaus am Plan, das wir als den Kaiserhof kennen. Es hieß damals aber einfach nur Payers Weinstube. Der Saalbau entlang der Frankfurter Straße wurde 1907 als Kaisersaal erbaut und die Gaststätte wurde entsprechend dem Zeitgeist Kaiserhof genannt. 

Der Erste Weltkrieg war ein schwerer Einschnitt, viele Betriebe mussten schließen und Payer verkaufte den Kaiserhof 1919 an Franz Mehler. Der ließ den Saal umbauen mit größerer Bühne, großem Tanzbereich und feierte die Wiedereröffnung an Ostern 2024 mit einem großen Ball des Gesangsvereins Germania. Damit zogen die wilden 20er auch in Hochheim ein. Schon damals feierten die Vereine Fassenacht im Kaiserhof, aber auch im Jahresverlauf war es eine gut besuchte Event-Location mit Gesangsdarbietungen, Stiftungsfesten und Tanzmusik an allen Tagen des Hochheimer Marktes. 

Anneli Waas singt im Weißen Rössl am Wolfgangssee

Nachdem das Haus im Zweiten Weltkrieg über 100 Soldaten Quartier bieten musste, begannen unter Paul Mehler die Glanzzeiten des Kaiserhofs. Nicht zuletzt wegen der guten Küche war das Lokal Ziel von Betriebsausflügen, Weinversteigerungen und Konferenzen. Sogar internationale VIPs, wie Vico Torriani und Indira Gandhi, hatten den Kaiserhof beehrt. Unvergessen sind die Theateraufführungen im Kaisersaal. Das Weiße Rössl mit der 17-jährigen Annelie Waas zusammen mit Robert Osdorf von 1947 wurde 1959 mit Gabi Kaufmann und Toni Munck wiederholt. Damals erschallten die Lieder noch tagelang als Gassenhauer in Hochheims Straßen.

Bilder und Anekdoten von Udo Möller

Es spielten beliebte Unterhaltungskapellen wie die Kapelle Siegfried und 1947 die Metropolis mit Alfred Schlosser. Der damals 14-jährige konnte zusammen mit Hermann Dienst etliche Anekdoten über die spätere gemeinsame Band TIVOLI zum Besten geben. Als Bandleader entwickelte sich der umtriebige Schlagzeuger Edi Schreiber zur Triebfeder des weit über Hochheim reichenden Erfolges der wirklich legendären Tanzkapelle. Die Menschen standen stundenlang nach Karten an, wenn TIVOLI spielte. „Wir waren ja auch tolle Männer“, ergänzte Hermann Dienst bei der Vorstellung der Band, in der unter anderem auch sein Cousin Lothar und sein Bruder Walter musizierten.

Vitaminspritzen als Aufputschmittel für die Tanzkapelle

Der Saxophonist der TIVOLI, Hermann Dienst erzählt von Auftritten der Kapelle. Links im Bild Gründungsmitglied und Pianist Alfred Schlosser. Foto © Achim Munck

Die TIVOLI avancierten auch zur Hauskapelle der 1949 von Dr. Karl Lembach gegründeten Prinzess-Margot-Garde. „Dr. Lembach wollte uns (den Tivolis) sogar mit Vitaminspritzen über nächtliche Schwächephasen beim Musizieren hinweghelfen,“ berichtete Alfred Schlosser über damalige Alternativen zu Energy Drinks. Der berühmte rote Mantel des Sitzungspräsidenten Karl Lembach diente trotz oder vielleicht gerade wegen des auffälligen Besatzes aus Hermelin dem Nikolaus Heinz Schlosser als Gewand. Der weit gereiste und sehr erfolgreiche Spielmanns- und Fanfarenzug der Garde entwickelte sich zum heutigen Blasorchester Hochheim.

Ein Kurzschluss in der Gaststube und die Erkrankung Paul Mehlers bedeuten das Ende des Kaiserhofs. Die letzten Fastnachtsbälle mit TIVOLI stiegen 1972. Nach mehreren Besitzerwechseln und drohendem Verfall des Saalbaus wurde der Kaiserhof in den 1990er Jahren von Rolf Kyritz erworben, mit sehr großem Aufwand restauriert und präsentiert sich heute als ein Schmuckstück im Zentrum der Altstadt.