Ein außergewöhnlicher Fund vom Hochheimer Eselsberg ist das Objekt des Monats Juni 2026
von Prof. Dr. Kerstin Merkel
Aus der Sammlung meines Vaters Jupp Merkel möchte ich hier ein besonders schönes Stück vorstellen: eine vollständig erhaltene Schale aus Glas. Es ist etwa 1500-1600 Jahre alt und stammt aus einer Notgrabung im Bereich des Eselsberges im Jahr 1960. „Eselsberg“ war eine über Jahrhunderte gebräuchliche Flurbezeichnung für die Fläche zwischen Main und der Bahnlinie, heute unter der Autobahn und unter der Firma Sucrest. Die Flurbezeichnung ist mittlerweile in Vergessenheit geraten.



Zuerst möchte ich etwas über die Fundgeschichte vor 74 Jahren erzählen, die sich doch sehr von den Regularien bei Bauarbeiten in heutiger Zeit unterscheidet. Bei den Vorarbeiten zu der 1966 bebauten Autobahnbrücke wurden schon 1960 umfangreiche Erdarbeiten vorgenommen. Damals gab es aber noch kein Gesetz, dass vorher den Bauherren zu archäologischen Untersuchungen verpflichtet hätte. Mein Vater, begeisterter Hobbyarchäologe und Heimatforscher, lief schon zu dieser Zeit alle Baustellen in Hochheim ab. Er ahnte, dass auch am Eselsberg Fundstellen sein dürften. Die Situation hat er mir in der ganzen Dramatik beschrieben. Große Bagger schoben mit der Erde achtlos ganze Gräber beiseite. Knochen und zerbrochene Gefäße lagen unbeachtet im Erdaushub. Teilweise „rasierten“ sie die Gräber so ab, dass die Steinsetzungen noch als Ovale zu sehen waren, manchmal gingen die Baggerschnitte direkt durch die Schädel, die sich dann als weiße Kreise im Erdreich abzeichneten. Mein Vater machte sofort Meldung in Wiesbaden, damals war das Museum der Ansprechpartner, zudem kannte er dort die Wissenschaftler. Bis jedoch die Denkmalpflege kam, hatten die Bagger schon zahlreiche Gräber zerstört. Mein Vater hat so schnell und so fachmännisch, wie es einer Person möglich ist, einige Gräber vor Ort ergraben, fotografisch dokumentiert und die Funde an sich genommen. Einige weitere Gräber konnten dann von den Fachleuten der Denkmalpflege geborgen werden.


Die Landesarchäologen gestatteten dann meinem Vater, einen Teil der von ihm geretteten Stücke zu behalten, z.B. Schnabelkannen, Tongefäße, Spinnwirteln, Perlen und Glasgefäße. Der Großteil der Funde ging an das Wiesbadener Museum, darunter auch eine weitere Glasschale.
Die Glasschale der Sammlung Merkel besteht aus grünlichem Glas mit deutlichen Einschlüssen, der Trinkrand ist mit zwei weißen Glasstreifen dekoriert. Die Schale würde von einem Glasbläser gefertigt, der Butzen vom Abbruch vom Glasrohr ist in der Standfläche noch deutlich zu spüren. Am oberen Rand misst sie 11 cm, die Höhe beträgt 4,5 cm und das Gewicht nur 48 Gramm. Sie liegt ausgesprochen leicht in der Hand. Ohne Zweifel war sie zu ihrer Zeit ein Luxusgegenstand und bezeugt den Wohlstand des oder der Verstorbenen.
Die Fundumstände sind besonders: Sie lag in einem schwarzen Tongefäß, das oben sorgfältig mit einer Schieferplatte bedeckt war. Im Laufe der Jahrhunderte war ein wenig Sand eingerieselt, doch hatte sich in dem Tongefäß ein weißes Geflecht erhalten. Es wirkte, als sei das Gefäß unter dem Glas ausgepolstert gewesen. Es lässt sich leider nicht sagen, ob es in irgendeiner Form Speisereste waren, wie mein Vater vermutete, oder später entstandene Vegetation.

Bei dem Tongefäß handelt es sich um einen Knickwandbecher bzw. einen doppelkonischen Becher (ein konisches Oberteil trifft auf ein umgekehrt konisches Unterteil). Diese meist grau bis schwarz gefärbten Tongefäße zeigen oft Stempelverzierungen auf, auch unser Becher ist über dem Knick mit einer umlaufenden Bordüre aus eingestempelten Sternen geschmückt, darüber drei Rillen. Qualitativ ist es kein hochwertiger Ton, er ist schlecht gereinigt und voller kleiner Steinchen. Es ist denkbar, dass diese zwar schön verzierten, aber vom Material her minderwertigen Gefäße extra für die Bestattungen und nicht für den täglichen Gebrauch gefertigt wurden. Es sind typische Grabbeigaben für die sogenannten Reihengräberfelder aus der merowingischen bzw. alamanische Kulturepoche (5.-8.Jh.).

In dem Grab befand sich außerdem noch eine zierliche Gewandfibel ohne Nadel von 5 cm Länge. Leider kann ich diese unter den zahlreichen Fibeln in der Sammlung nicht konkret ausfindig machen.
Von der Grabung 1960 gibt es noch einige Schwarz-Weiß-Fotos, wahrscheinlich von den Archäologen aus Wiesbaden aufgenommen.
Wie ging es weiter? Nach dieser ersten Notgrabung, die unter großem Zeitdruck stattfinden musste, kam es dann 1987 endlich zu einer umfangreichen professionellen Ausgrabung. Mittlerweile hatten sich auch die Gesetze zum Schutz von archäologischen Bodenfunden im positiven Sinne entwickelt. Die Funde befinden sich in der Sammlung nassauischer Altertümer bzw. im Wiesbadener Stadtmuseum. Die wissenschaftliche Bearbeitung und die abschließende Publikation erfolgte durch Nadine Baumann 2013/14. Vom ersten Befund bis zur Veröffentlichung dauerte es also 82 Jahre.
Nadine Baumann hat die hohe wissenschaftliche Bedeutung des Gräberfeldes für die Erforschung der Regionalgeschichte und der Völkerwanderungszeit nachgewiesen. Wir befinden uns in der Umbruchphase von der Spätantike zum Frühmittelalter, vom zentral regierten römischen Reich hin zur politischen Neuordnung ganz Europas und vor allem von den antiken Göttern hin zum Christentum. Mit anderen Worten: es war richtig viel los!
Das große Hochheimer Gräberfeld belegt in Hochheim eine kontinuierliche Besiedlung vom zerfallenden römischen Reich bis zum Entstehen neuer fränkischer Strukturen. Es bietet einen Einblick in die sozialen Strukturen. Die Waffen in den Gräbern verweisen auf eine lokale Elite, die modischen Artefakte wie Fibeln und Gürtelschnallen auf Handelsbeziehungen und finanzielle Möglichkeiten, Modetrends zu folgen. Die Qualitätsunterschiede der Grabbeigaben belegen auch die verschiedenen sozialen Schichten. Das Nachlassen der Grabbeigaben zeigt den Übergang von heidnischen zu christlichen Bräuchen.
Literatur: Nadine Baumann, Ein Beitrag zu den merowingerzeitlichen Gräberfeldern in Hochheim am Main, Main-Taunus-Kreis – die Ausgrabung in der Flur „Eselsberg“ von 1987. In: Fundberichte aus Hessen 53/54 (2013/14), S.61-124.
