Ein geretteter Kirchenschatz: Kandelaber mit Lilien, Ähren und Trauben

Objekt des Monats Juli/August 2026

von Gabi Nick

Bei der Renovierung der Pfarrkirche St. Peter und Paul wurde 2002/3 auch der Dachboden entrümpelt. Dabei entdeckte Alfred Schlosser, damals Mitglied des Verwaltungsrats der Kirchengemeinde, einen kunstvoll gestalteten Kandelaber und bewahrte ihn vor der Entsorgung. Ein zweites, nahezu identisches Exemplar war ebenfalls vorhanden; sein Verbleib ist heute leider unbekannt.

Der Leuchter ist wie ein Blumenstrauß aus filigranen Lilien, Ähren, Weintrauben- und blättern gestaltet. Die fünf Kerzenhalter ruhen auf geöffneten Blüten. Der Strauß entspringt einem kleinen Blütenkelch, der auf einem Dreibein aus Akanthusblättern wächst.

Hl. Petrus am Hochaltar
Kapitell mit Weintraube

Die Gestaltung ist reich an christlicher Symbolik. Die Lilie gilt als Sinnbild für Reinheit, Unschuld und die Jungfräulichkeit Mariens. Ähren und Weintrauben verweisen auf Brot und Wein, die nach katholischem Glauben im Sakrament der Eucharistie zu Leib und Blut Christi werden. Auch an anderen Stellen der Pfarrkirche begegnet dem Besucher das Motiv des Weinstocks. So sind in das Kreuz, das der heilige Petrus auf dem Hochaltar hält, goldene Weinranken eingearbeitet. Zudem schmückt eine Weintraube das Kapitell eines Pilasters an der Südseite des Kirchenraums. Die Darstellung des Weins greift damit nicht nur ein zentrales christliches Symbol auf, sondern verweist zugleich auf die jahrhundertealte Weinbautradition Hochheims.

Ein Vergleich mit ähnlichen Leuchtern lässt vermuten, dass die beiden Kandelaber aus Frankreich stammen und um 1900, im späten Historismus, gefertigt wurden. Solche Leuchter wurden häufig im Zusammenhang mit Kirchenrenovierungen angeschafft oder von Gemeindemitgliedern gestiftet. Die Pfarrkirche St. Peter und Paul wurde 1896 umfassend renoviert und neu ausgemalt. Möglicherweise wurden die beiden Kandelaber aus diesem Anlass von einer wohlhabenden Hochheimer Familie gestiftet.

Damals erlebte Hochheim eine wirtschaftliche Blütezeit. Neben dem Weinbau trugen vor allem die großen Sektkellereien zum Wohlstand der Stadt bei. Burgeff & Co. war mit einer Jahresproduktion von rund einer Million Flaschen die größte Sektkellerei des Deutschen Reiches. Gut möglich, dass eine der Unternehmerfamilien ihre Verbundenheit mit der Kirchengemeinde durch die Stiftung der Leuchter zum Ausdruck bringen wollte.

Wo die Kandelaber ursprünglich in der Kirche standen, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Die Lilien könnten jedoch auf einen Bezug zur Marienverehrung hindeuten. Denkbar ist, dass sie einst den Marienaltar schmückten oder zu Füßen der Marienstatue standen, die sich heute im hinteren Teil der Kirche befindet, ihren ursprünglichen Platz jedoch in der Nische neben der Kanzel hatte, in der heute die Herz-Jesu-Statue aufgestellt ist.

Marienaltar
Marienstatue heute hinten in der Kirche
Nische mit Herz-Jesu-Statue

So bleibt der gerettete Kandelaber nicht nur ein kunstvoll gearbeitetes Zeugnis sakraler Handwerkskunst, sondern erinnert zugleich an die Geschichte der Pfarrkirche und an die Blütezeit Hochheims um die Wende zum 20. Jahrhundert.